Olga Supino kam mit 19 Jahren aus Italien nach Grenchen, um in der Uhrenindustrie zu arbeiten. Heute macht sie sich Sorgen, wie lange sie in ihrem Haus bleiben kann. Doch im Grenchen der 1960er-Jahre erwartete sie ihre Ausweisung.

«In der ersten Zeit in Grenchen hat es mir gar nicht gefallen und ich verstand auch die Sprache nicht. In meinem Dorf bei Neapel hingegen gefiel es mir sehr.» Olga Supino ist 1940 in Monteforte geboren und wuchs mit fünf Geschwistern auf.
Frühmorgens sammelte sie mit ihrer Mutter und ihrer älteren Schwester Mafalda in den umliegenden Wäldern Holz. Daraus machten sie Gebinde, die sie vorbeifahrenden Passanten verkauften. Die Mutter musste die Familie durchbringen.
Arbeiten war vor allem Frauensache: «Der Vater wollte nicht arbeiten. Das wenige Geld, welches er als Händler verdiente, behielt er für sich.» Ihre beiden Brüder mussten kaum mitanpacken, denn es war klar: Bald würden sie wegen des Militärs das Haus verlassen. Mafalda emigrierte als Erste. In England lebt sie noch heute. Dann ging auch Olga fort und die Mutter blieb mit zwei Kindern in Monteforte zurück.
Von Monteforte nach Grenchen
Bevor die gebürtige Italienerin in die Schweiz kam, war sie kaum je ausserhalb ihres Dorfes gewesen. Ein Cousin von Supino arbeitete in der Nähe von Delémont und bot ihr eine Arbeit an. Seine Frau war bereits in der Grenchner Uhrenfabrik A. Schild S.A. (ASSA) tätig und organisierte einen Vertrag. Gemeinsam mit ihrer Freundin Marie reiste sie in die Schweiz. «Ohne einen Arbeitsvertrag wären wir gar nicht über die Grenze gekommen.»
Zehn Tage vor ihrem 20. Geburtstag, am 11. Mai 1960, kamen sie am Bahnhof Grenchen Nord an. Doch niemand holte sie am Bahnhof ab. Zum Glück gab es einen Taxifahrer, der italienisch sprach. Er brachte sie zum Restaurant mit Gästezimmern gegenüber der Fabrik.
Einen Tag später, im Büro der ASSA, kam die Frage auf, wo sie wohnen sollten. Die Frau ihres Cousins wurde ins Büro beordert. Es war die Aufgabe derer, die den Arbeitsvertrag vermittelten, für eine Unterkunft zu sorgen.
Die damals Neunzehnjährige wurde bei ihrem Cousin aufgenommen, wo sie Ende Monat ihren Lohn abgeben musste. Dieser schickte das Geld nach Italien. «Meine Mutter hat dieses Geld fast komplett gespart und mir gegeben, als ich geheiratet habe.»
Olga Supino sagt, dass ihr eine Möglichkeit geboten worden sei, gleichzeitig ging sie ungern fort. «Wenn man gehen kann, ist dies doch eine Gelegenheit, sich selbst das Leben zu verdienen. Weil in meiner Heimat war es nicht so, dass man viel verdient hat.»
«Wir sind beide aus demselben Dorf, kannten uns aber zuvor nicht»
Nach einem Jahr des Pendelns von Delémont nach Grenchen suchte die Fabrikarbeiterin nach einer näheren Wohnmöglichkeit. In einem Block wurden einzelne Zimmer an Arbeiterinnen vermietet. Eine Küche teilten sich die Frauen. Im Block blieb sie zwei Jahre. 1962 folgte ihre jüngere Schwester, die dort ebenfalls ein Zimmer mietete. Danach wohnte Olga Supino in einer der Baracken für Frauen, die die Assa aufgestellt hatte.
Aus dem Heimatdorf erhielten sie und ihre Schwester ein Paket. Übergeben von einem jungen Mann, der als Knecht bei einem Bauern in Halten und später auf einer Baustelle arbeitete. «Meine Mutter wusste, dass Antonio in der Nähe von mir in der Schweiz arbeitete.» Als Saisonnier durfte er sich nur neun Monate im Jahr in der Schweiz aufhalten. Die Winter verbrachte Antonio in Monteforte.
«Der Versand war viel zu teuer», daher überbrachte Antonio das Paket persönlich. «Wir sind beide aus demselben Dorf, kannten uns aber zuvor nicht», sagt die heute 83-jährige Supino. Zwei Jahre später heirateten sie. Gemeinsam mit ihrem Mann bezog sie bei einem italienischen Paar ein Zimmer in Untermiete. Die Küche der Lommiswiler Wohnung teilten sie sich.
Arbeiten im Akkord: «Da hat man wirklich Geld verdient»
Zuerst arbeitete Olga Supino bei der Assa im Stundenlohn. Dort polierte sie kleine Uhrenbestandteile. Dann wechselte sie zur Akkordarbeit. Das habe ihr besser gefallen: «Da habe ich mehr gearbeitet und auch mehr verdient. Ich habe mehr verdient als mein Mann, der auf dem Bau gearbeitet hat.» Sie sagt weiter:
«Am Feierabend sah es aus wie eine Prozession, da Hunderte von Frauen in Richtung Bahnhof marschierten.»
Es war eine feine Arbeit, für die es eine ruhige Hand brauchte. In der Fabrik, wo Supino arbeitete, waren alles Frauen, alles Ausländerinnen. Das Gebäude bei der heutigen Schmelzi wurde während des Booms der Grenchner Uhrenindustrie neu gebaut.
Wohnungsnot und Alltagssorgen
Viel Kontakt mit Schweizern hatten sie damals nicht. «Es gab immer die, die nicht so gerne Ausländer hatten», erinnert sich Supino. Die Verbundenheit zwischen den emigrierten Italienern und Italienerinnen in Grenchen ist immer noch gross. «Es ist wie ein geschlossener Kreis, wir sprechen alle Italienisch miteinander.» Und weiter erinnert sie sich:
«Schlimm war vor allem die Wohnungsnot. Eigentlich ist man in die Schweiz geholt worden – aber es war nicht vorgesehen, dass man hier auch wohnt, sondern nur arbeitet.»
In der Wohnung in Lommiswil schmiss die Vermieterin sie raus, weil sie keine Kinder im Haus haben wollte. «Es war nicht überraschend, man sah ja meinen Bauch, sie wollte einfach kein Kindergeschrei.»
Franco, der Erstgeborene, kam 1965 auf die Welt. Er ist heute ein bekannter Schriftsteller. Sieben Jahre später folgte Daniele und dann Patrizia. Die Kinder würden zu viel Lärm machen, war die Reaktion der Nachbarn. Daniele hatte einmal einen Gips und durfte in der Wohnung eigentlich nicht rumlaufen. «Wir haben ihn in der Wohnung herumgetragen.»
«Das hat man einfach hingenommen, weil man ja nichts anderes erwartet hatte», sagt Franco Supino dazu. «Meine Mutter möchte sich in diesem Sinn nicht beklagen.»
Besuch von der Fremdenpolizei
Mit der Heirat nahm die Frau automatisch den Status des Mannes an. Damit wurde sie von einer Jahresaufenthalterin zur Saisonniere. Das bedeutete: Sie wären gezwungen gewesen, nach Italien zurückzugehen. Supino erinnert sich:
«Niemand fragte mich, ob ich schwanger weiterarbeiten könne. Das war nicht das Problem, sie brauchten lediglich die Arbeitskraft.»
Es sei nicht überraschend gewesen, dass die Fremdenpolizei bei ihnen vorbeikam. «Eigentlich hatten wir schon damit gerechnet, ausgewiesen zu werden.» Supinos Arbeitgeber setzte sich für sie ein, weil sie im Uhrenbetrieb das ganze Jahr gebraucht wurde. Der Kompromiss war, dass der Vater sich um das Kind kümmerte. Im April sollte er rechtzeitig bereit sein, auf der Baustelle zu arbeiten. «Das war für alle gut.»
Sie hatten Glück, dass beide als Arbeitskräfte benötigt wurden. Wären sie ausgewiesen worden, hätten sie nicht mehr in die Schweiz zurückkehren können, weil sie gegen ein Gesetz verstossen hatten.
Auf die Nachfrage Franco Supinos, ob der Vater gut zu ihm geschaut habe, antwortet die Mutter ihrem Sohn: «Ja, es ist in Ordnung gewesen. Nur einmal hat er dir Kichererbsen gegeben, daran bist du fast erstickt.»
Nach einer zweijährigen Arbeitspause, als der zweite Sohn auf die Welt kam, war sie in Heimarbeit beschäftigt. «Das war ein Ausbeutesystem, da vor allem abends und am Wochenende gearbeitet wurde», erzählt die dreifache Mutter.
Das ganze Wochenende über drückte sie Kugellager auf einen Plastik. Es roch streng nach Öl, deshalb wurde dies in einem separaten Raum gemacht. Auch die Kinder halfen mit. Die Mutter verdiente gerne Geld für die Familie – sie arbeitete noch länger als ihr Mann.
«Jeden Sommer ging ich zu meiner Mutter zurück»
Mindestens einmal im Jahr ging Olga Supino für etwa einen Monat zu ihrer Mutter nach Italien, meist im Sommer. Anfangs kehrte sie auch an Weihnachten dorthin zurück. «Meiner Tante sagte ich, dass ich nächsten Sommer wieder gehen möchte.» Heute gebe es dort nur noch wenige Bekannte, mit denen sie aufgewachsen ist. «Am liebsten ging ich in mein Heimatdorf, als meine Mutter noch da war. Heute zieht es mich nicht mehr so fest dorthin.»
Antonio Supino wollte immer nach Italien zurückkehren. Ihr Sohn Franco hingegen wollte in der Schweiz bleiben. Die Alternative war, ein Haus zu kaufen. Von diesem Zeitpunkt an wollte er nicht mehr zurück.
«Aber du hast mir grazie gesagt, dass wir geblieben sind», sagt Sohn Franco Supino dazu.