Als der Grenchner Res Kaufmann vor über 30 Jahren mit seinen Gitarren in das Haus einzog, war schon klar, dass es abgerissen wird. Bis zuletzt hoffte er, dass es doch nicht so weit kommt.
Das mit Efeu überzogene Haus an der Solothurnstrasse in Grenchen wirkt klein zwischen Häuserblöcken, Bank und Einkaufszentrum. Doch von innen war es über 30 Jahre lang bis in die letzten Winkel gefüllt mit analoger Aufnahmetechnik und Musikinstrumenten. Auf drei Stockwerken fanden sich im «Strato Zoo» Gitarren, Schallplatten, Tonstudio und Wohnraum. Künstler aus der ganzen Welt haben dort ihre Musik analog mit Röhrenmikrofonen und Tonbandgerät aufgenommen.
Nun wird das Gebäude an der Solothurnstrasse in Grenchen abgerissen und weicht einer Überbauung. «32 Jahre Kultur verschwinden von der Bildfläche», sagt Res Kaufmann. Der langjährige Mieter des Hauses wohnte nicht nur darin, sondern führte einen Musikladen und ein Recordingstudio.

Den «Strato Zoo», wie Kaufmann das Haus, die Band sowie sein Label nennt, ist wohl den Grenchnerinnen und Grenchnern weniger bekannt, sondern viel mehr das Schaufenster. Wer am Gebäude vorbeiging, dem fielen die nackten Schaufensterpuppen hinter dem Glas neben den Gitarren auf.
Seit seiner Jugend hat Res Kaufmann viele Instrumente gerettet und eine wertvolle Sammlung aufgebaut. Unzählige Stunden verbrachte er als Teenager in einem Musikgeschäft. Im Austausch für seine Arbeit erhielt er «veraltete» Instrumente – der Grundstock seiner Kollektion. Zur Sammlung gehören etwa Fender Stratocaster- und Gibson-Gitarren.
«Für mich ist die Situation extrem emotional, ich kann gar nicht verarbeiten, was gerade passiert.» Lange hat der 57-Jährige gehofft, dass es gar nicht so weit kommt. 1992 zog er ins Haus und rettete es damals vor dem Abriss. Es war das letzte einer Häuserzeile. Bereits bei seinem Einzug wurde ihm gesagt, er könne höchstens ein Jahr bleiben. Daraus sind 32 Jahre geworden.
Musik, Aufnahmen und Filme: alles analog
Nach der Renovation eröffnete er am 27. Oktober 1993 den «Strato Zoo» zuerst als Laden für Schallplatten, Musikinstrumente und Verstärker. Das Tonstudio kam 1995 dazu.
Auf Psychedelika musizierte er mit einer kleinen Gruppe von Freunden zu Stummfilmen und nahm das Ganze auf. Der Kinoraum wurde zum Studio und ist gewachsen. Regelmässig organisierte Res Kaufmann Musik-Sessions. «Daraus ist eine grosse musikalische Familie geworden», sagt Kaufmann. Etwa 170 Musiker gingen regelmässig in den Jahren im «Strato Zoo» ein und aus.
In einer Zeit des digitalen Wandels setzte Res Kaufmann auf analoge Aufnahmetechnik und Vinyl. 1997 übernahm Kaufmann gemeinsam mit seinem Bruder Flo und weiteren Freunden ein Schallplattenwerk aus Wien. Von da an pressten sie kleinste LP-Auflagen selbst.
Grüne Oase mitten in Grenchen
Res Kaufmann schaut zum letzten Mal aus dem Fenster im ersten Stock und erzählt voller Wehmut von den Veränderungen. Während in den letzten drei Jahrzehnten um das Haus neue Überbauungen dazukamen, habe er sich gefühlt wie auf einer Insel, sagt Kaufmann. «Ein Raum ausserhalb der Zeit.» Hinter dem Haus befand sich bis vor einer Woche ein kleines Wäldchen. Es sei einmal eine grüne Oase gewesen, mitten im Stadtzentrum.

Nun sind die Bäume gefällt und die Bagger haben bereits am Dach des ehemaligen Studios genagt.
Der Analog-Liebhaber konservierte nicht nur Musikkultur der 1960er und 1970er, sondern auch ein Haus aus der Jahrhundertwende. Das Haus mit den alten Parkettböden und der Küche, wo er noch mit Feuer gekocht hat, und besonders die Bögen des Schaufensters werden ihm fehlen. Am liebsten würde Kaufmann alles, was noch verwertbar ist – etwa die Radiatoren, mitnehmen und diese in Jugendstil-Villen wieder einbauen.
Auf dem Rundgang durch das historische Haus voller Erinnerungen nimmt er noch ein Relikt mit, eine alte Zeitung aus dem Jahr 1887. Seine Sachen musste Res Kaufmann bereits vor einem Jahr räumen.
Kaufmann hat viel Liebe in das Haus gesteckt und wollte es von der Stadt abkaufen, aber das klappte auch nach mehreren Anläufen nicht. «Sie haben immer gesagt, sie wollen etwas Richtiges haben und nicht so Kunstzeugs.» Das mache ihn vor allem traurig, weil an dessen Stelle nichts Schönes entstehe. Gegen den Abriss ist er nicht per se. Grenchen fehle es jedoch am innovativen Denken – «Wir brauchen Visionäre.» Seine Idealvorstellung ist es, genau an diese Stelle ein Hochhaus hinzustellen, wie das Flatiron Gebäude in New York, das aussieht wie ein Bügeleisen.
Seine Instrumentensammlung ist derzeit eingelagert. Res Kaufmann sucht noch immer nach einem geeigneten Ort, am liebsten in Grenchen. «Es wäre schön, wenn sie wieder ein richtiges Plätzli bekommen.»