Wegen sinkender Mitgliederzahlen, finanzieller Engpässe und Personalmangel stehen die reformierten Kirchgemeinden im Aargau vor grossen Herausforderungen. Eine von Lutz Fischer initiierte Arbeitsgruppe möchte die Idee eines überregionalen Zusammenschlusses vorantreiben.
Angespannte Finanzen, baufällige Kirchengebäude und unbesetzte Stellen: Die 74 reformierten Kirchgemeinden im Aargau müssen sich weiterentwickeln, sonst droht einzelnen Kirchgemeinden das Aus. Ein Lösungsansatz: ein überregionaler Zusammenschluss. Durch Synergien liessen sich Kosten sparen und das Angebot für Kirchengängerinnen attraktiver gestalten.
Vor über einem Jahr hat der EVP-Politiker und Pfarrer der Kirchgemeinde Wettingen-Neuenhof mit seinem Blogbeitrag «Nach der Fusion ist vor der Fusion» eine Debatte angestossen. Er schlug als grossen Wurf vor, alle 74 reformierten Kirchgemeinden zu fusionieren. Dann gäbe es im Kanton Aargau nur noch eine reformierte Kirchgemeinde.
«Wir müssen überregional denken»
Kürzlich äusserte sich Lutz Fischer im Interview mit dem Informationsmagazin «a+o» der Reformierten Kirche Aargau zur Frage, ob er wirklich die Fusion aller Aargauer Kirchgemeinden anstrebe. Das sei nicht das Ziel seines Blogbeitrags gewesen, so Fischer. «Mein Ziel war es, dass wir überhaupt anfangen, über Fusionen zu sprechen – und dass wir sie grösser denken, nicht nur bis zur Nachbarkirchgemeinde, sondern überregional.»
Ein solcher Zusammenschluss könnte professioneller geführt werden, vielfältige Gottesdienste und attraktivere Stellen anbieten, sagt Fischer. Zudem liessen sich Synergien nutzen. Für die Vorbereitung eines Seniorennachmittags könnte etwa eine Person für mehrere Gebiete planen. So könnten die Mitarbeitenden die Aufgaben übernehmen, die sie gerne machen und gut können. «Der Weg dorthin scheint mir recht anspruchsvoll.» Viele Kirchenpflegen seien mit dem Tagesgeschäft ausgelastet.
Um die Idee überregionaler Zusammenschlüsse weiterzuverfolgen, hat sich vor einem Jahr eine Arbeitsgruppe gebildet , anfangs unter Fischers Leitung . Nun leitet Sozialdiakon Sigwin Sprenger die Gruppe. «Unser Ziel ist es, unser Konzept nach den Sommerferien den Kirchenpflegen vorstellen zu können», sagt Lutz Fischer auf Anfrage. Deshalb trifft sich die Arbeitsgruppe zurzeit länger und öfter. «Wir müssen vorwärtsmachen», sagt Fischer.
Zwei Kirchgemeinden waren kurz vor der Fusion
Neben der Idee eines überregionalen Zusammenschlusses gibt es weiterhin klassische Fusionsprojekte. Die Kirchgemeinden Wettingen-Neuenhof und Spreitenbach-Killwangen standen kurz vor ihrer Fusion. Ende November hat die Kirchenpflege Wettingen-Neuenhof den Fusionsprozess sistiert.
Nicht besetzte Pfarrstellen in beiden Kirchgemeinden sowie das Kirchgemeindehaus in Wettingen, das sich mitten im Bau befindet , nannte die Kirchenpflege als Gründe für den Fusionsstopp. Die bereits bestehende und die geplante Zusammenarbeit sowie das geplante Zusammenlegen des kirchlichen Unterrichts seien weiterhin eine Option.
Kirchgemeinden müssten nicht territorial zusammenhängen
Eine Fusion mit der Nachbargemeinde sei keine nachhaltige Lösung, weil der Mitgliederschwund weitergehe, sagte Lutz Fischer bereits vor einem Jahr. Bei einer Fusion zweier Kirchgemeinden bleiben die Strukturen bestehen.
Ein überregionaler Zusammenschluss ermögliche hingegen, in neuen Strukturen zu denken. Die Kirchgemeinden müssen dafür auch nicht territorial zusammenhängen.
Das heisst: Denkbar ist auch die Fusion mehrerer Kirchgemeinden, etwa Bremgarten-Mutschellen, Aarau, Frick, Baden und Holderbank-Möriken-Wildegg. Rund 15’000 Mitglieder sollte eine solche zusammengeschlossene Kirchgemeinde haben.
Dieses Modell biete Kirchgemeinden, die das möchten, die Möglichkeit zum Zusammenschluss. «Ich kenne und verstehe auch die Ängste, die dabei bestehen.» Etwa die Sorge, dass das kirchliche Leben vor Ort verloren geht. «Aber genau das passiert früher oder später sowieso. Aber noch sind wir handlungsfähig.»
Parallel zu diesem Prozess steckt auch die Reformierte Landeskirche Aargau mitten im Reformprozess. Seit Anfang Jahr gilt eine neue kirchenrechtliche Bestimmung, die es Kirchgemeinden erleichtern soll, zu fusionieren. Gemeinden, die sich zusammenschliessen wollen, können nun aus dem Fonds zur Förderung von Zusammenschlüssen finanziell unterstützt werden. Etwa für Beratungen, rechtliche Leistungen und Massnahmen zur Integration.
